Donnerstag, 24.November 2011
Die Kreuztragung Christi
Hier wird wahllos und grausam getötet, dennoch geht es sachlich zu: In einem spannenden Experiment inszeniert Lech Majewski Pieter Brueghels Gemälde "Die Kreuztragung Christi". Doch in "Die Mühle & das Kreuz" stiftet er keinen Seelenfrieden, sondern vielmehr die Gewissheit, dass kein Gott sei.
Willi Winkler in der SZ vom 24.11.2011
Samstag, 03.September 2011
Die Welt auf Distanz halten
Wen sie liebt, wird sie in den Abgrund ziehen: Valeria Golino spielt in Giuseppe Piccionis "Giulia geht abends nie aus" eine Frau auf der Suche nach der Liebe als unbedingter Leidenschaft. Sie kollidiert mit einem Männertypus, der Katastrophen erzeugen muss.
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Dieser Stärke-Schwäche-Kontrast charakterisiert nicht nur das Geschlechterverhältnis, sondern den dramatischen Bau der Welt. Die Frau agiert in der Arena des Lebens, also im Zentrum von Beunruhigung und Tragik. Der Mann driftet durchs Dasein und beschäftigt sich mit seinen Phantasmen.
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Die Guido-Figur steht unter dem Bann fataler Liebesunfähigkeit. Sie variiert einen Männertypus des italienischen Kinos, den der Schriftsteller in Antonionis "La Notte" ideal verkörperte. Fellinis Drehbuchautor Ennio Flaiano - auf ihn gibt es bei Piccioni einen versteckten Hinweis - hat ihn immer wieder erforscht und geschildert. ... Er will sich die Welt auf Distanz halten, sein Getriebensein als künstlerische Kontemplation verklären. Er betrachtet Leben und Welt als Stoffsammlung für seine Phantasien und opfert sie ihnen. Meisterlich demonstriert Piccioni sein Verhängnis: Wo er zum Akteur wird, erzeugt er Katastrophen.
Rainer Gansera in der SZ vom 31.08.2011 über den Film "Giulia geht abends nie aus" von Giuseppe Piccioni.
Mittwoch, 24.August 2011
Nüchternheit, Understatement, Selbstironie, Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Eloquenz - und, natürlich, Witz.
In jedem der raren Interviews,
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war irgendwann die Frage nach dem Tod gestellt worden, etwa im „SZ-Magazin“, das unverblümt von ihm wissen wollte, was einmal auf seinem Grabstein stehen solle. „Zweckmäßig wäre es“, antwortete er, „wenn der Name draufstünde.“ In dieser knappen Antwort auf eine Frage an der Grenze zur Unverschämtheit kondensiert sich viel vom Wesen des Mannes,
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den man gleichwohl nicht für harmlos halten sollte. Seine Diagnose, was unsere Zivilisation betrifft, ist schließlich vernichtend: Kommunikation jedweder Art ist ein aussichtsloses Unterfangen, hinter der scheinbaren Ordnung lauert Anarchie, und schon kleinste Details genügen, damit unsere bürgerliche Fassade zerfällt und den Menschen in seiner ganzen Lächerlichkeit preisgibt,
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Jörg Thomann in der FAZ vom 24.08.2011
Sonntag, 22.Mai 2011
Zum Tode von Michael Althen
Er hat sich vom Film immer berühren und niemals täuschen lassen: Der am Donnerstag im Alter von achtundvierzig Jahren verstorbene F.A.Z.-Filmkritiker Michael Althen wusste, dass ein Film nichts ist, wenn er uns nicht auffordert unser Leben zu überprüfen.
Nachruf in der FAZ vom 13.05.2011 von Claudius Seidl.
Weitere Artikel: Suedeutsche Zeitung, Spiegel, taz, Franfurter Rundschau
Die Arroganz der Depressiven
„Le Havre“ von Kaurismäki.
Wer von dem Finnen nichts Neues mehr erwartet hatte, sah sich getäuscht, obwohl „Le Havre“ ein typischer Kaurismäki ist: stilisiert bis zum fast völligen Stillstand, in blau und rot angemalten Sets gefilmt, die aussehen, als seien sie gerade aufgebaut worden – die Welt der kleinen Leute aus farbigen Bretterbuden.
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Die Liebe, die Kaurismäki zu seinen Figuren zeigt, überwältigte auch das Publikum, das vor Begeisterung tobte.
„Melancholia“ von Lars von Trier.
In der Ouvertüre zeigt uns von Trier zu Klängen aus Wagners „Tristan“ einen Schlossgarten am Meer, Pferde, die durch die Landschaft galoppieren, eine Braut, die ihr Kleid und mit ihm das Unterholz, das sich in ihm verfangen hat, hinter sich herzieht. Im All kündigt sich eine Planetenkollision an, die Erde wird zerbersten. Und von Trier zeigt uns, was unmittelbar zuvor geschieht – wie Charlotte Gainsbourg mit einem Kind auf dem Arm in den Rasen sinkt, ebenso wie ein Pferd. Alles extrem verlangsamt und von einer bissigen Schönheit, in der, jedenfalls was den Filmemacher angeht, kein Schrecken liegt. Die Welt endet, na und?
Film Besprechnungen von Verena Lueken und Artikel von Andreas Kilb in der FAZ vom 19.05.2011 zum Fall Lars von Trier.
Donnerstag, 21.April 2011
An einem Samstag
Aleksandr Mindadzes Spielfilm „An einem Samstag“ erzählt von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und welche Bedeutung sie für die Menschen hatte, die in der Umgebung wohnten. ... Es wäre der Film für den 11. März gewesen, für jenen Tag, als in Fukushima die atomare Kernschmelze anfing und anfangs noch niemand wahrhaben wollte, was sich dort abzuspielen begann. ... „An einem Samstag“ kommt deshalb wirklich zum falschen Zeitpunkt, denn man wird ihn reduzieren auf den Spielfilm zur Reaktorkatastrophe. Das ist er nicht. Er ist der Spielfilm zur Menschenkatastrophe - nicht nur der im Angesicht einer Kernschmelze, sondern auch gegenüber dem eigenen Verrat. Der Katastrophe dessen, was enttäuschtes Vertrauen bedeutet.
Andreas Platthaus in der FAZ vom 20.04.11 über den Film "An einem Samstag" von Aleksandr Mindadze.
Weitere Besprechung in der ZEIT vom 14.02.11 (also vor Fukushima!) von Carolin Ströbele.
Dienstag, 26.Oktober 2010
Tilda Swinton: Es ist sehr gesund zu wissen, wie einsam wir sind.
Das Ideal der wahren Liebe begegnet uns überall. Wir sind doch alle irgendwie angehalten, nach wahrer Liebe und Leidenschaft zu suchen und den einen richtigen Partner zu finden. Sobald dann die Routine einkehrt oder irgendetwas dem Ideal zuwiderläuft, trennen sich die Leute. Und die Scheidungsraten gehen hoch.
So habe ich das nie gesehen. Dieses Ideal der romantischen Liebe, von dem Sie sprechen und das uns überall verkauft wird, ist nicht die Art von Liebe, die Regisseur Luca Guadagnino und ich thematisieren. Uns geht es um das Gegenteil. Nicht um Einheit, sondern um absolute Ehrlichkeit, was bedeutet, die geliebte Person nicht verändern zu wollen, sondern sie bis in die kleinste Facette ihrer Identität zu akzeptieren. Wenn also Emma am Ende des Films ihrem Ehemann ihre Lage schildert, und er sagt: Du existierst nicht - ist das Liebe? Wenn er sagen würde: Ich sehe dich, ich halte dich in dieser Situation, so bist du, und ich akzeptiere das - das wäre Liebe.
Was hat Liebe mit Einsamkeit zu tun?
Alles. Die Akzeptanz der eigenen Einsamkeit ist die Voraussetzung, um einen anderen wirklich zu lieben. Wenn wir diese Einsamkeit jemandem zeigen, der sie wiederum sieht und akzeptiert, ohne uns davon abbringen zu wollen, und wenn der andere uns seine Einsamkeit zeigt - das birgt die Chance einer wirklich liebenden Beziehung.
Es geht also nicht darum, Einsamkeit zu überwinden?
Einsamkeit ist keine Option, sie ist ein Fakt. Wir sterben alle allein. Das wäre sonst wieder dieses romantische Ideal des Eins-Seins, das uns verkauft wird, als müssten wir nur den Richtigen finden, um nie wieder allein zu sein. Ich halte das für Fiktion. Und für eine Verschwendung einer existentialistischen Wahrheit. Es ist sehr gesund zu wissen, wie einsam wir sind.
Ist das Ihre Erfahrung?
Die liebevollsten Beziehungen in meinem Leben - und davon gibt es viele - habe ich zu Menschen, die sich ihrer Einsamkeit bewusst sind und keine Angst davor haben. So können wir uns wunderbar Gesellschaft leisten. Es ist ein guter Weg, um gute Freunde zu finden.
Freitag, 15.Oktober 2010
Der Letzte der Unabhängigen
Der Film "Der große Coup" von Don Siegel wurde neu aufgelegt (Rough Trade/Spielhaus. 106 Minuten. Englisch, Deutsch, Untertitel. Extras: Trailer).
Schon in frühen Werken lassen sich Siegels Stil und sein psychologischer Feinsinn bewundern, sind wichtige Leitmotive erkennbar: Siegels Verständnis seiner eigenen Arbeit, das von absolutem Professionalismus, von pragmatischem, immer der Sache verpflichtetem Handwerk bestimmt war, übertrug sich auf seine Figuren: Es sind Profis bei der Arbeit. Männer, die ihren Job beherrschen, die sich in schwierigen Situationen zu helfen wissen, früh gelernt haben, sich im Unvorhergesehenen zurechtzufinden, die wenig erwarten, nichts glauben und immer das Schlimmste annehmen. Sie sind keine Anpasser, Karrieristen oder Opportunisten, aber ihr Idealismus ist einer der Tat. Daher sind ihre Widersacher meistens Autoritäten: unmittelbare Vorgesetzte, Polizei und Justiz oder gleich das System, jedenfalls praxisferne Bürokraten und Amateure.
Rüdiger Suchsland in der Besprechung in der FAZ vom 13.10.2010.
Montag, 12.Juli 2010
"Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt"
Kaum einer verkörpert exzessive Charaktere so beunruhigend wie John Malkovich. Jetzt macht der Schauspieler Männermode. Ein Gespräch über Stil und Schönheit, über die Faszination des Bösen und die Bürden eines Lebens unterwegs.
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Sie scheinen es sehr ernst zu nehmen. Sie kümmern sich von den Entwürfen bis zur Korrektur der Prototypen um viele Dinge selbst.
Ich nehme eigentlich gar nichts ernst.
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Sind Sie so eitel wie der Malkovich in „Being John Malkovich“?
Eitelkeit ist mehr etwas für junge Menschen. Ich will nicht wie ein Stadtstreicher aussehen. Aber ich bin, wie ich bin, und daran habe ich mich gewöhnt.
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Was ist für Sie Stil?
Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt. Man heiratet, man wird geschieden. Man verdient erst hiermit, dann damit Geld. Stil ist etwas Konstantes. Das kann Kleidung einschließen, gewisse Äußerlichkeiten. Aber eigentlich bezeichnet Stil die Art und Weise, wie wir uns durch die Welt bewegen.
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Lassen Sie mich meine Frage noch einmal anders formulieren: Ist die Eindeutigkeit, das Zeitlose von Stil und Ästhetik für Sie ein Gegengewicht zur menschlichen Ambivalenz?
Auf jeden Fall.
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Das übersteigt die Ambivalenz.
Und die Banalität des täglichen Lebens, seine Vulgarität, seine nervtötende Blödheit.
Julia Schaaf in der FAZ vom 12.07.2010.
Mittwoch, 21.April 2010
Der gefährlichste Mann in Amerika
„Man lernt etwas über seine Mitmenschen, das man gar nicht wissen wollte: Dass sie zwar zuhören, es verstehen und daraus lernen, aber dann weiter ignorieren.“
Daniel Ellsberg versorgte die Presse mit geheimen Dokumenten zum Vietnam-Krieg aus dem Regierungsstab Richard Nixons. Arte zeigt heute die schillernde Laufbahn dieses Antihelden.
Besprechung in der FAZ. Wiederholung in Arte am 24.04.2010 um 16:15 oder direkt bei Arte.
Dienstag, 09.März 2010
Einer wurde gewonnen
"Bei uns liegt viel Talent brach, weil man es nicht fördert. Es wird alles heruntergeschraubt auf Mittelmaß. Aber wenn man herausragende Persönlichkeiten will, dann muss man jemanden auch mal herausragen lassen, statt nur die Gemeinsamkeiten mit den anderen zu suchen."
Christoph Waltz in der Süddeutsche Zeitung.
Dienstag, 17.November 2009
God is a DJ
... und am Schluß flüchtet auch er.
Kategorien: Film, Philosophie, Psychologie
Samstag, 26.September 2009
Lars von Trier: Antichrist
Zur Diskussion über den neuen Film "Antichrist" von Lars von Trier.
Satan
ist eine Frau (FAZ)
Ja,
ich hasse die Frauen (FAZ)
Pyramide
der Ängste: „Antichrist“ (FAZ)
Die
Natur ist Satans Kirche (Zeit)
Gegenwart
des Bösen (SZ)
Auf
eigene Gefahr (SZ)