Montag, 16.Januar 2012
Lob der verbeulten Lebensläufe
Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."
OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 21.11.2005 über das Buch "Neue Menschen" von Stephan Wackwitz.