Sonntag, 15.Januar 2012
Sehnsucht nach der Luxuswelt der Reichen
Damals schrieb ich im "Spiegel" (und man möge mir dieses Selbstzitat nachsehen): "Wie immer diese Wahl ausgeht, die Regierung wird Schaden nehmen. Sollte Gauck gewinnen, demonstriert es ihre Uneinigkeit und Schwäche. Gewinnt Christian Wulff, werden wir der Koalition diesen Sieg nicht verzeihen."
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Der Kampf, der um Christian Wulff derzeit tobt, ist in Wahrheit ein Kampf um die politische Kultur in diesem Land, um die Machtanmaßung der Parteien, die zunehmende Missachtung des Parlaments durch die Bundeskanzlerin, um die durchsichtigen Taktierereien der Regierung wie der Opposition, die lieber eine staatliche Institution wie das Amt des Bundespräsidenten zu Bruch gehen lassen, als auf kurzfristige Machtvorteile zu verzichten.
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Vielleicht glauben die Zweitchancebefürworter inzwischen, es sei gleichgültig, wer Christian Wulff folgen würde, weil ihre Stimme ohnehin nicht gehört wird, weil es das gleiche parteipolitische Gerangel mit deprimierendem Ergebnis geben würde wie beim letzten Mal. Vielleicht aber fallen ihnen auch nur ihre eigenen kleinen Betrügereien ein und sie halten ihre Nachsicht für einen Akt christlicher Nächstenliebe.
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Oder sie denken an Gerhard Schröder, dessen Freundschaft zum AWD-Gründer Carsten Maschmeyer als Vorbild für Wulffs Aufstieg in die Hannoveraner Geldgesellschaft gedient haben mag. Bei Wikipedia steht: "Bundeskanzler Schröder trat im Jahr 2004 vor AWD-Führungskräften auf und soll laut einer internen AWD-Mitarbeiterzeitung erklärt haben: ,Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion. Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht.' Diese Nähe zur Regierung Schröder habe dazu geführt, dass viele Kunden dem AWD vertraut hätten.
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Was ist da passiert? Wann hatte die Bundesrepublik in ihrer Geschichte vor Gerhard Schröder überhaupt jemals mit diesem Ruch von Korruption in höchsten politischen Ämtern zu tun? Sicher gab es Skandale, Spendenaffären, Amtsanmaßung: aber es ging nicht um persönliche Bereicherung oder gar die Sehnsucht nach der Luxuswelt der Reichen. Woran liegt es, dass jetzt keine Partei dem Einbruch des Halbseidenen entgegentritt?
MONIKA MARON in ihrem Artikel "Der Einbruch des Halbseidenen in die Politik" in der FAZ vom 09.01.2012.